Die Zeuginnen – Margaret Atwood | Rezension

Die Zeuginnen – Margaret Atwood | Rezension

„Dann gingen die Mädchen nacheinander unter zwei Paar hochgereckten Händen durch, und alle sprachen im Chor: Eins gemordet / Zwei geküsst / Drei ein Baby / Vier vermisst / Fünf das Leben / Sechs der Tod / Und sieben, wir haben dich / Rot! Rot! Rot!“ 

Margaret Atwood

REZENSION

Desfred ist fort. Gilead ist gefallen, und warum das Reich gescheitert ist, dass erfahren wir aus verschiedenen Sichten – Von unseren drei Zeuginnen Tante Lydia, Agnes Jemima und Daisy. Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch ein ähnliches Leid erfahren haben.

Für mich war nach dem Beenden von Der Report der Magd sofort klar, dass ich eine Fortsetzung brauche. Ich bewundere alle Leser, die Jahrzehnte auf dieses Buch haben warten müssen. Natürlich haben wie diese Sensation auch den Filmemachern zu verdanken, denn ohne die Serie The Handmaide´s Tale wäre da vermutlich nie ein zweiter Band entstanden. Im Vorgänger konnte Desfred mit Hilfe Gilead entkommen, aber was danach mit ihr passiert ist, lies man unserer Fantasie über. Die Zeuginnen knüpft nicht einfach an das Ende an, sondern bietet uns eine ganz besondere Fortsetzung, denn es wird nicht einfach weiter erzählt, nein, es wird aus dreierlei Sicht berichtet, wie es zu dem Fall von Gilead kam. Desfred ist keine von den Zeuginnen. Was mit ihr passiert ist, erfahren wir erst zum großen Finale.

Tante Lydia´s Sicht war tatsächlich meine liebste, denn sie als Anführerin der Tanten, war im ersten Teil doch noch recht undurchsichtig und man konnte kaum eine richtige Bindung aufbauen. Sie war ganz einfach nur die böse Tante, aber hier erfahren wir von ihrem Leben, wie es dazu kam, wie sie ihre Position hält und was sie alles dafür aufgeben musste. Ich konnte mich in sie hineinfühlen und hatte stellenweise sogar Mitleid, aber auch jede Menge Verständnis.
Agnes Jemina, die Zweite in diesem Bunde hat das Glück aus gutem Hause Gileads zu kommen. Sie hat sogar eine Freundin, dennoch aber auch strenge Verpflichtungen. Auch sie muss gehorchen und sie merkt schnell, dass sie genau wie alle anderen in diesem bizarren Rollenspiel gefangen ist.
Und dann hätten wir noch das junge Mädchen Daisy. Sie kommt aus Kanada und ging davon aus, ein ganz normales Leben zu führen, bis ihr ihre vermeintlichen Eltern genommen worden und sie selbst untertauchen muss. Sie hängt mit den Abgründen von Gilead zusammen, ohne das sie davon wusste.

Alle drei Frauen finden sich mit ihrem Schicksal zurecht, jede auf ihre Weise. Sie alle müssen auf schmerzliche Weise ihre Rolle erfahren und das Spiel mitspielen. Auch wenn sie alle anders positioniert sind, müssen sie sich mit ihrem Schicksal abfinden, aber können sie das auch? Sie alle gewähren uns Einblicke in ihr Leben, in ihre Sicht, in ihr Leid, aber auch in ihre Hoffnung.

„Alle wiederholten: >>Sei willkommen, du Perle von großem Wert, Per Ardua Cum Estrus, Amen.<<
Was mache ich hier?, dachte ich. Dieser Laden ist total krank.“

Dieses Buch ist voller Geheimnisse, Machtspiele und Abgründe. Es ist mit jeder Faser tiefgründig, ernst, aber auch anregend. Die Fortsetzung ist meiner Meinung nach gelungen, auch wenn ich einiges als offensichtlich empfand. Die schockierenden Momente aus dem ersten Band wurden hier weniger, da man schon mit der Welt vertraut ist, was es aber nicht weniger frivol gemacht hat. Einzig eine Sache hat mich gestört. Ich habe Desfred vermisst und hätte mir eine weitere Sicht gewünscht. Nicht mal unbedingt zu gleichen Teilen wie die Zeuginnen, vielleicht sogar erst im letzten Drittel um es spannender zu gestalten. – Das wäre mein persönliches I-Tüpfelchen gewesen.

Das Finale war spannend, und lässt theoretisch wieder Luft für eine Fortsetzung. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen und es war ein schönes, trauriges, aber auch glückliches Ende. Das Buch spart nicht an Emotionen und ich bin begeistert von Atwood´s Sprache und ihrem Humor. Sie liebt es alltägliche Sprüche, Witze, Weisheiten in den Raum zuwerfen und bringt damit einen gewissen Pfiff in die Story. Es wirkt nebst Ernsthaftigkeit und Brutalität einfach ein wenig aufgelockert, was mir sehr zusagt. Von ihrem Stil bin ich nach wie vor beeindruckt und möchte definitiv mehr von der Autorin lesen. Was soll ich noch sagen? Auf mit euch nach Gilead!

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BUCHDETAILS

Herausgeber: Berlin Verlag | Autor: Margaret Atwood | ET: 10.09.2019 | Buchlänge: 576 Seiten | ISBN: 978-3827014047 | ERWERBEN

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